Seminar
Fighting Tax Evasion & Tax Competition - Building a Global Network
Sven Giegold von Attac Deutschland organisierte für und mit unserem
Netzwerk: TJN (Tax Justice Network) in Mumbai einen Workshop über Steuerflucht
und Steuerparadiese
Muss man noch immer die ganze Ungerechtigkeit erklären, die die Steuerflucht
heute verursacht? Eine Unmenge Steuergeld entschlüpft den Nationalstaaten
und damit den BürgerInnen, die sie dringend für Ausbildung, Kultur,
Gesundheit und Infrastruktur braucht, im Norden wie im Süden. Fünfzig
Milliarden Dollar gehen jedes Jahr alleine den entwickelten Ländern
durch Steuerflucht verloren. Dieses Geld fehlt nicht nur dem Staat, sondern
fehlt auch als Investition in den Ländern. Ungerecht ist dies auch für
die kleinen Unternehmen, die zum Unterschied zu den Großen nicht in
der Lage sind, Steuerparadiese auszunützen. Steuerflucht ist ein Phänomen,
das sogar noch weiter zunimmt, weil die Staaten die Steuerflucht immer weiter
begünstigen in einem sinnlosen Kampf gegen ihre „Konkurrenten“. Sven
Giegold berichtet, dass die Europäische Union 10% ihrer Steuern im Laufe
der letzten zehn Jahre entkommen ließ. Ungerecht ist das System auch
für die Individuen, von denen nur die reichsten die komplexen steuerschonenden
Dienstleistungen der großen Banken in der Schweiz, in Belgien, in Luxemburg,
auf den Kanalinseln profitieren können.
Unser Netzwerk tritt für ein internationales Kontrollorgan ein
und für eine internationale Harmonisierung der Besteuerung. Man kann
nicht darauf warten, dass die Staaten selbst ihre Interessen vertreten. Die
Behörden der Staaten verteidigen in erster Linie ihre großen Unternehmen,
mit denen sie oft privilegierte Beziehungen unterhalten.
Unser Kollege aus der Schweiz, Bruno Gurtner präsentierte in Mumbai
unser Netzwerk: tax justice.net, dass wir auf dem Europäischen Sozialforum
in Florenz gegründet haben. Wir forschen zu Steueroasen, publizieren
und informieren und unterstützen all jene, die sich auch dem Kampf gegen
Steuerflucht verschrieben haben. Unser Manifest fordert unter anderem das
Verhindern der Steuerflucht, die Menschen und Unternehmen nach ihrem Reichtum
korrekt zu besteuern, dem Volk die Kontrolle über Besteuerung zu übergeben
und eine internationale Steueragentur zu schaffen.
Der Wirtschaftsprofessor Arun Kumar präsentiert die Sicht eines Landes
des Südens mit einer Schattenwirtschaft, die 30% des BIP ausmacht (mehr
als Industrie und Landwirtschaft gemeinsam). „Wenn diese Schattenwirtschaft
entschleiert und besteuert wird, könnte Indien einen Großteil
seiner Probleme lösen“ so Kumar. Der Ökonom stellt fest, dass die
„black economy“ (so der Titel seines jüngsten Buches) großen Einfluss
auf die Kapitalflucht hat: Ein Großteil der Schattenwirtschaft dient
dazu, Gold auf ausländischen Märkten anzukaufen. Für Arun
Kumar ist die Schattenwirtschaft das Ergebnis einer Triade: Geschäftsleute,
Politik und Politiker.
Marcello Oliveira aus Brasilien arbeitet bei der Friedrich Ebert-Stiftung.
Er erklärt den klassischen Ablauf der Reichtumsflüsse in einem
Land wie dem seinen: Die Fonds flüchten in Steuerparadiese, kehren unter
anderem Namen wieder zurück und werden zu spekulativen Anlagezwecken
eingesetzt. Diese Anlagen verschwinden dann ein zweites Mal, sobald politische
Bewegungen in dem Land die Investoren und Trader beunruhigen. Ohne Geld verfällt
das Land weiterhin und gerät in einen Teufelskreis der Abwertung (von
den internationalen Finanzinstitutionen erzwungen), Lohnsenkung, Kaufkraftschwund
und Verlust an Arbeitsplätzen.
Über die Situation der reichen Länder spricht die amerikanische
Journalistin Lucy Komisar: Seit Reagan fällt die Besteuerung amerikanischer
Unternehmen um 10, 20 oder 30 Prozent. Es ist schon normal, dass die großen
Politiker großteils in die großen Firmenkonglomerate verwickelt
sind. Seit 1999 hätte Microsoft keine Bundessteuern bezahlt. Noch viel
schlimmer: Die Änderungen der Steuergesetze durch den Bush-Clan erlauben
den Unternehmen, zu deklarieren, dass der überwiegende Teil der Gewinne
außerhalb des Landes erwirtschaftet wird (zum Beispiel in einem Offshore-Steuerparadies).
Zuletzt haben die USA Steuereinnahmen von 136 Milliarden verkündet.
Wenn die großen Unternehmen nur 35% ihrer Profite versteuern würden,
hätte der Staat 308 Milliarden Dollar eingenommen. Die Summen, die in
Offshore-Zentren geparkt sind, hätten in den letzten Jahren von 200
Millionen auf fünf Milliarden Dollar zugelegt.
Bruno Gurtner von der Schweizer Koalition der Organisationen für Entwicklung
erzählt über die Schweiz und was sie gegenüber der Europäischen
Union erwartet. Schweiz und EU hätten sich darauf verständigt,
dass die Schweiz Schritt für Schritt ihre illegalen Kapitalanlagen (mit
derzeit bis zu 35 Prozent) besteuert. Aber dem Aktivisten ist dies nicht
genug, denn die Besteuerung des Schweizer Geldes löst noch nicht die
illegalen Veranlagungen in Luxemburg oder Belgien oder Entwicklungsländern.
Diese Länder wären hochattraktiv für Steuerflucht, denn dort
ist nicht die Rede von angemessener Besteuerung des Reichtums. Die Schweizer
Bankiers haben bereits angekündigt, dass die Einigung wieder platzen
könnte.
Unser Netzwerk tritt für eine reelle Revision bilateraler Texte ein,
für eine Bestrafung der Steuerflucht (die es nicht gibt in Ländern
wie der Schweiz), eine reale Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen den
nationalen Jurisdiktionen, einen besseren Informationsaustausch zwischen
den Staaten, die Abschaffung der Unterschiede zwischen « Steuerflucht
» und « Steuerhinterziehung » und die Anwendung der Übereinkünfte
der EU mit den Entwicklungsländern. Bruno Gurtner flog vom Weltsozialforum
zum Weltwirtschaftsforum in Davor und präsentierte dort seine Vorstellungen.
Auf die Reaktion in Davor darf man gespannt sein.
Aber wird das reichen, um ein Fluchtsystem wie das in der Schweiz zu verhindern?
Für Bruno Gurtner ist der Druck von außen wichtig, der von anderen
Ländern auf die Schweiz ausgeübt wird. „Innerhalb der Schweiz können
wir uns nur auf den Kampf der Ideologien des Bankgeheimnisses vorbereiten,
indem wir zeigen, dass das Bankgeheimnis nicht der zentrale Pfeiler der Schweizer
Wirtschaft ist“, sagt Gurtner (dies wird in der Schweiz gerade begonnen,
und zwar mit einem didaktischen Dokument über Bankgeheimnis und Steuerflucht,
das von der Organisation „Deklaration von Bern“ und der Schweizer Koalition
der Entwicklungsorganisationen verteilt wird. Dabei ist eine Postkarte, die
es den BürgerInnen ermöglicht, von ihren VolksvertreterInnen eine
Änderung des Bankgeheimnisses zu verlangen).
Mit unserem Seminar in Mumbai ist es uns gelungen, in Indien, Sri Lanka,
Bangladesch, Pakistan und anderen Ländern Asiens Menschen für unser
Netzwerk zu gewinnen, nachdem wir schon durch ein Seminar in Porto Alegre
auf dem südamerikanischen und auf dem afrikanischen Kontinent Fuß
fassen konnten. So ist unser Netzwerk jetzt wahrhaft global. Über das
Internet tauschen wir uns kontinuierlich aus und planen gleichartige Aktionen
in unseren jeweiligen Ländern. Unser Einfluss wächst, unsere Stimme
wird schon gehört und sie wird immer mehr ernst genommen. Ich bin sicher,
wir werden uns durch die Erhöhung des Druckes in vielen Dingen durchsetzen
können-.